
Als gemeinnütziger, ehrenamtlich geführter Verein fühlen wir uns verpflichtet, den Jazz in seiner ganzen stilistischen Vielfalt zu würdigen und präsentieren eine bunte Mischung eingängiger Jazz-Stilrichtungen für jeden – von traditionellen Stilen wie Dixieland, Gypsy Jazz und Swing/Mainstream bis hin zu moderneren und zeitgenössischen Varianten. Anhänger von Fusion und Avantgarde Jazz kommen bei uns aber ebenso auf ihre Kosten – wie übrigens auch Fans von tanzbarem Latin Jazz (afrokubanischer oder brasilianischer Herkunft) oder von Jazz-Richtungen, die stärker an Funk, Soul, Blues oder R&B angelehnt sind.
Ob in intimer Duo- oder Trio-Formation oder in größerer Band-Besetzung, ob als Vocal Jazz mit Gesang oder rein instrumental, ob reguläres Programm-Konzert oder spontane Jam Session: Bei uns erleben Sie die Vielseitigkeit des Jazz in seiner ganzen Bandbreite – und das in der gemütlichen Atmosphäre im Gewölbekeller unseres Birdland59! Selbst Big Bands hatten wir schon bei uns zu Gast und haben damit die akustischen und räumlichen Möglichkeiten der Bühne ausgereizt ;-).
Keine Vorstellung, was Jazz überhaupt ist – oder mit der Vielfalt der Jazz-Stile und Varianten überfordert? Kein Problem! Im nachfolgenden Abschnitt Was ist Jazz? leisten wir eine erste Starthilfe, um sich zurechtzufinden.
Was ist Jazz?
Stichhaltige Definitionen von Musikstilen sind allgemein immer mühsam, weil die Genres fließend ineinander übergehen. Bei Jazz gilt dies erst recht: Zum einen weil das Leihen von anderen Musikstilen schon immer zum Wesen des Jazz gehört, zum anderen weil Jazzmusiker rebellische Querköpfe sind, die liebend gerne Regeln brechen, neue Dinge ausprobieren und so ganz schnell jede Definition zunichtemachen. Nichtsdestotrotz kann man einige Merkmale ausmachen, die zumindest den typischen, im Englischen auch häufig als Straight Ahead bezeichneten Jazz kennzeichnen:
Tonbildung und Phrasierung
Anders als z.B. in der klassischen Musik liegt der Fokus im Jazz nicht zwingend darauf, dass ein Ton besonders schön klingt, sondern authentisch und die Persönlichkeit des Musizierenden wiedergebend. Gerade Blasinstrumente, aber auch Saiteninstrumente wie Gitarre und Bass und natürlich erst recht die menschliche Stimme haben vielfältige Möglichkeiten, dem Ton individuellen Ausdruck zu verleihen. Das, was in der klassischen Musik häufig verpönt ist, etwa Schleiftöne, expressives Vibrato oder Nebengeräusche bei der Tonbildung, ist im Jazz erlaubt und gehört dazu, um einen Musiker seine eigene persönliche Klangfarbe gestalten zu lassen. Deswegen ist es im Jazz häufig leichter möglich als z.B. in der Klassik, gerade bei Blasinstrumenten auf Aufnahmen einzelne Musiker am Klang ihres Instruments zu erkennen.
Auch, die Art und Weise, wie einzelne Musiker den Grundschlag (Beat) eines Stückes empfinden, kann unterschiedlich sein. Während einige eher vor dem Beat spielen – also quasi immer gefühlt etwas „zu früh“ – spielen, spielen andere eher nach dem Beat, also immer etwas „hinterher“. Trotzdem spielen sie alle „in Time“, verschleppen also dabei nicht das Tempo. Das ist eines der großen Geheimnisse des Jazz.
Improvisation
Obgleich bei einer Kadenz in der Klassik oder Lead-Gitarre im Rock auch gelegentlich improvisiert wird, ist Jazz das einzige westliche Musik-Genre, wo die Improvisation geradezu als konstituierendes Merkmal gilt. Im Jazz bestehen alle gespielten Stücke überwiegend aus einer gemeinsamen Improvisation von allen beteiligten Instrumenten. Üblicherweise braucht es dafür nicht mehr als eine Melodie und ein Akkordschema (sogenanntes Lead Sheet), das die Musiker je nach Stilistik und Erfahrung spontan individuell mit Leben füllen, indem sie die Melodie umspielen oder gar aus dem Stehgreif neu erfinden.
Solchen Akkordfolgen, über die improvisiert wird, liegen meist Blues-Formen oder auch sogenannte Standards zugrunde. Dabei handelt es sich (meist) um 32-taktige Liedformen, die auf beliebten Broadway-Musicals oder Filmmusiken der 30er bis 50er Jahre oder bekannten Eigenkompositionen von Jazz-Musikern basieren. Sammlungen solcher Lead Sheets, aus denen sich Jazz-Musiker gern bedienen, werden häufig Fake Books oder Real Books genannt. Sie enthalten bekannte, immer wieder gern gespielte Standards wie z.B. Summertime, All of Me, Autumn Leaves, The Days of Wine And Roses, There Will Never Be Another You, Blue Bossa, Stella By Starlight oder Lullaby of Birdland.
Swing-Feeling
Jazz wird häufig im 4/4 Takt (manchmal auch im 3/4 Takt) mit ungleichmäßig geteilten sogenannten Swing-Achtel gespielt und die Melodien werden entsprechend phrasiert. Die Achtel werden dabei eher triolisch gefühlt, d.h. als erster und dritter Schlag einer Triole. Das Ganze geht dann in Richtung eines Blues-Shuffle-Rhythmus (wie z.B. im Titel That’ll Be The Day von Buddy Holly), wird aber gerade in langsamen bis mittleren Tempi noch viel lässiger gespielt (Bounce). Schlagzeuger spielen filigrane Motive um den Rhythmus herum, während der Kontrabass häufig den regelmäßigen Viertel-Noten-Puls liefert. Anders als in der europäischen Musiktradition liegt die Betonung im 4/4 Takt beim Jazz mehr auf dem zweiten und vierten Viertel, den sogenannten Down Beats.
Harmonik
Ob Klassik, Rock/Pop oder Volksmusik, die westliche Musik basiert überwiegend auf der Dreiklangharmonik mit Grundton-Terz-Quinte in Dur oder Moll. Jazz ist anders, da hört man mindestens vierstimmige Septimakkorde, und häufig kommen noch Akkorderweiterungen dazu, um noch mehr Farbe in den Klang hineinzubringen. Typisch für den Jazz sind auch die Blue Notes bei den Intervallen Terz und Septime. Wenngleich sie eigentlich in der Intonation zwischen großer und kleiner Terz bzw. Septime liegen, werden sie doch häufig so eingesetzt, dass kleine Terz oder Septime während einer Improvisation über die normalen, dem Dur-Tonsystem entnommenen Akkorde gespielt werden.
Instrumentierung
In seiner ursprünglichen Form wird Jazz eher mit akustischen Instrumenten gespielt. Ganz typisch ist eine Rhythmusgruppe bestehend aus Klavier, Kontrabass und Schlagzeug, zu der dann verschiedene Solisten-Instrumente wie etwa Saxophon oder Trompete dazu kommen. Eine elektrische Gitarre kann das Piano als Harmonie-Instrument ersetzen oder ergänzen. Zusätzliche Instrumente, die man im Jazz auch öfter findet, sind Klarinette, Posaune, Querflöte, Vibraphon, Hammond-Orgel und – gerade im Latin Jazz – auch verschiedene Perkussionsinstrumente wie z.B. Congas oder Shaker. Jazz mit Gesang, also Vocal Jazz, hat sich auch früh etabliert, aber häufig wird Jazz rein instrumental gespielt.
Die Bandbreite der Band-Besetzungen reicht dabei von Duos oder Trios bis hin zu 16- bis 17-köpfigen Big Bands, bestehend aus Holz- und Blechbläser-Gruppen sowie einer Rhythmus-Gruppe.
Es gibt aber neben diesen für den Straight Ahead Jazz geltenden charakteristischen Merkmalen auch Jazz-Varianten mit ungeraden Taktarten, gerade gespielten Achtel-Rhythmen (z.B. im Latin Jazz oder Rock- und Funk-Grooves), mit elektrisch verstärkten Instrumente wie E-Gitarre, Keyboard (E-Piano, Synthesizer, E-Bass) oder anderen akustischen Instrumenten wie Violine, Akkordeon und Mundharmonika. Sogar Dudelsack, Pferdekopfgeige und Alphorn wurden schon auf Jazz-Bühnen gesichtet!
Überblick über Stile
Der folgende Abriss der verschiedenen Jazz-Stile soll einen ersten groben Orientierungsrahmen über die vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten im Jazz geben. Die in Klammern stehenden Jahrzehnte sollen dabei nur andeuten, wann der jeweilige Stil seine Blütezeit erlebte und keinesfalls implizieren, dass diese Spielart heute nicht mehr zu finden ist. Ganz im Gegenteil: In der heutigen Jazz-Szene sind alle Stile nach wie vor lebendig vertreten, auch wenn sie sich natürlich über die Zeit angepasst und weiterentwickelt haben.
Traditioneller Jazz (1910er bis 20er Jahre)
Der Jazz entsteht nach der Jahrhundertwende in New Orleans durch Verschmelzung von mehreren Musikstilen der afro-amerikanischen Bevölkerung: Blues, Ragtime, Gospel und Work-Songs aus der Sklavenzeit. Aber insbesondere auch die Musik der Militär-Blaskapellen (Marching Bands), die durch New Orleans ziehen und etwa zu Paraden aufspielen, haben den Jazz geprägt. Das Neuartige an dieser Musik: Europäische Elemente wie Instrumente, Melodik und Harmonik treffen auf afro-amerikanisches Rhythmusgefühl, Phrasierung und Tonbildung (Schleiftöne, Vibrato, Blue Notes). Was noch entfernt an Marschmusik erinnert, klingt damit doch so anders – und ist tanzbar!
Die erste Hochzeit erlebt der New Orleans Jazz in den 1910er Jahren. Im beliebt-berüchtigten Rotlichtviertel Storyville der Stadt New Orleans klingt Jazz aus jeder Bar, jedem Tanzlokal und Freudenhaus. Jazz-Bands bestehen häufig aus drei Bläsern (Trompete, Klarinette, Posaune), Banjo, Tuba und Schlagzeug. Ab und zu kommt auch ein Klavier dazu. Kollektivimprovisationen, bei denen die Bläser gleichzeitig über eine Akkordfolge improvisieren, sind charakteristisch für diesen Stil. Hier tritt auch erstmals einer der berühmtesten Jazz-Musiker (wenn nicht gar der berühmteste!) in Erscheinung, der Trompeter Louis Armstrong. Aber auch andere Namen tauchen in dieser Gründergeneration des Jazz auf, wie etwa der Pianist Jelly Roll Morton, der sogar von sich behauptete, den Jazz erfunden zu haben, oder der Trompeter King Oliver (in dessen Band Armstrong groß wurde) sowie der Saxophonist Sidney Bechet, der später nach Frankreich übersiedelte.
Der Dixieland Jazz, eine Variante dieses frühen Jazz, zeichnet sich durch seine glatteren Melodien und reinere Harmonien aus. Auch die Tonbildung ist im Vergleich zum eigentlichen New Orleans Stil weniger expressiv (weniger Schleiftöne, weniger Vibrato). Meist sind beide Stile aber für ungeübte Ohren gar nicht so leicht voneinander zu unterscheiden. Zu Beginn federführend in dieser Art zu spielen war die namensgebende Original Dixieland Jass Band um den Trompeter/Kornettisten Nick LaRocca (wo Jazz also noch mit zwei „s“ geschrieben wurde), die auch 1917 die ersten Aufnahmen in der Jazz-Geschichte machte, und die New Orleans Rhythm Kings mit der Bläsergruppe Leon Roppolo (Klarinette), Paul Mares (Trompete) und George Brunies (Posaune).
Nach der Schließung von Storyville durch die US-Regierung müssen die Jazzmusiker anderswo ihr Glück versuchen. So kommt der Jazz in den 20er Jahren nach Chicago, wo sein verruchtes Image perfekt zu den Gangstern und illegalen Kneipen der wilden 20er passt. Im Chicago Style treten die Kollektivimprovisationen in den Hintergrund, der einzelne Solist eher in den Vordergrund. Zudem setzt sich das Saxophon langsam durch und löst die Klarinette als führendes Holzblasinstrument ab. Bass und Gitarre ersetzen in der Rhythmusgruppe Tuba und Banjo. Führende Vertreter dieser Entwicklung waren u.a. der Trompeter Bix Beiderbecke, der Posaunist Tommy Dorsey, der Klarinettist Frank Teschemacher und der Saxophonist Frank Trumbauer.
Mit den Entwicklungen in Chicago in den 20er Jahren startet der Jazz seinen kommerziellen Durchbruch, wird einem breiteren, auch weißem Publikum bekannt und ist Ausdruck eines neuen Lebensgefühls zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Nicht zuletzt deswegen wird diese Zeit auch gern als Jazz Age bezeichnet.
Auch wenn später andere Stile vorherrschten – es gab immer wieder Revivals dieser traditionellen Stile, und auch heute noch gibt es Liebhaber dieser häufig liebevoll als Oldtime Jazz bezeichneten Art und Weise, Jazz zu spielen. Diese Musik ist etwas ganz Besonderes für Nostalgiker.
Swing (1930er bis 40er Jahre)
Ende der 20er Jahre wird der Jazz auch in Kansas City und New York City heimisch. Dabei entsteht eine eigene neue Spielweise des Jazz, der Swing. Er ist sehr stark Rhythmus-orientiert und basiert häufig auf (einfachen) Bläser-Riffs. Während im traditionellen Jazz als Grundrhythmus noch das sogenannte Two-Beat Feeling („Um-Pah-Um-Pah“) vorherrscht, werden im Swing die Viertel im 4/4-Takt gleichmäßiger gespielt. Die Bands werden größer und enthalten jetzt mehrere Trompeten, Saxophone/Klarinetten und Posaunen. Dadurch entsteht auch die Notwendigkeit, die einzelnen Bläsersätze zu koordinieren und Stücke zu arrangieren. Anfangs passiert das häufig noch durch einfache mündliche Absprache (head arrangement), später dann durch professionelle Arrangeure wie z.B. Billie Strayhorn für das Ellington-Orchester.
Im New Yorker Stadtviertel Harlem machen dabei Orchester wie die von Duke Ellington, Cab Calloway und Fletcher Henderson auf sich aufmerksam. Jazz ist hier Bestandteil einer afro-amerikanischen kulturellen Erneuerungsbewegung, die neben Musik auch Kunst und Literatur umfasst und meist als Harlem Renaissance bezeichnet wird. Der legendäre Cotton Club wird Anziehungsmagnet für viele Musiker und begeisterte Zuhörer. Der frühe Duke Ellington entwickelt dort seinen berühmten Jungle Style, bei dem die Musiker auf ihren Instrumenten charakteristische Urwald-Klänge imitieren. Auch der Pianist Fats Waller startet seinen Durchbruch in dieser Zeit und wurde einer der wichtigsten Vertreter des sog. Harlem Stride Pianostils. Er begleitete auch häufig die Blues- und Jazz-Sängerin Bessie Smith.
Mitte der 1930er Jahren wird der Swing dann sprichwörtlich salonfähig, gelangt in die großen Tanz- und Ballsäle der Metropolen und wird zur beliebten Unterhaltungs- und Tanzmusik der jungen Amerikaner. Die Verbreitung von Schallplatten und Radio-Sendern in dieser Zeit ist dieser Entwicklung natürlich förderlich.
Swing ist zudem die große Ära der Big Bands. Bandleader wie Duke Ellington, Count Basie, Benny Goodman, Artie Shaw, Chick Webb, Stan Kenton, Woody Herman oder Glenn Miller werden quasi als Popstars gefeiert. Dies ist auch die Zeit, in der die ersten großen Vokalisten und Vokalistinnen in Erscheinung treten. So haben etwa Ella Fitzgerald, Frank Sinatra, Anita O’Day, Dinah Washington oder Billie Holiday ihre Wurzeln in diesen Orchestern. Aber auch einzelne Orchester-Solisten werden als Stars verehrt, wie z.B. die Saxophonisten Coleman Hawkins, Ben Webster, Johnny Hodges und Lester Young sowie die Trompeter Roy Eldridge, Cootie Williams, Clark Terry und Buck Clayton, der Vibraphonist Lionel Hampton, der Schlagzeuger Gene Krupa oder die Pianisten Earl „Fartha“ Hines, Mary Lou Williams und Teddy Wilson.
Schließlich existieren neben den großen Orchestern auch noch kleinere Formationen, die erfolgreich sind, etwa die Trios des Pianisten und Sängers Nat „King“ Cole, des Pianisten Art Tatum oder des Vibraphonisten Red Norvo. Häufig entstehen auch aus den Big Bands kleinere Bands, die quasi einzelne Solisten mit Mitgliedern der Rhythmusgruppe, also Schlagzeug, Bass, Piano und/oder Gitarre, kombinieren (sog. Combos).
Auch in Europa entsteht mit dem Gypsy Jazz in den 30er Jahren erstmals eine eigene Jazz-Tradition um die Mitglieder des Quintette du Hot Club de France, insbesondere den Gitarristen Django Reinhardt und den Violinisten Stéphane Grapelli. Typisch für diese Art des Swing ist die Besetzung aus Violine, zwei Gitarren und Kontrabass. Diese Richtung entwickelte sich später weiter und ist auch heute noch unter dem Namen Jazz Manouche häufig zu finden – in Anspielung auf Manouche, eine häufige Selbstbezeichnung der Angehörigen der Sinti-Bevölkerung im französischen Sprachraum.
Der Swing gilt als eine der tanzbarsten Stilrichtungen im Jazz. Auch heute noch finden sich Anhänger dieser Musik und alte darauf basierenden Tanzstile wie Jitterbug und Lindy Hop erleben ein Revival.
Bebop (1940er Jahre)
Ab Mitte der 40er Jahren gab es zum ersten Mal so etwas wie eine Revolution im Jazz: In den Swing Big Bands rebellieren hochbegabte junge Musiker um den Saxophonisten Charlie Parker und den Trompeter Dizzy Gillespie in New York gegen die zunehmend kommerzielle Richtung im Jazz und „erfinden“ den Bebop. Der Name leitet sich aus der lautmalerischen Umschreibung der verminderten Quinte ab, einem für die Spielweise typischen Intervall zwischen zwei Tönen. Die Tempi werden schneller, die Phrasierungen der Melodien ändern sich gegenüber dem Swing und die Art und Weise, wie Schlagzeug und Piano oder Gitarre begleiten, verändert sich ebenfalls. Sie orientieren sich häufig nicht mehr an den durchgespielten Vierteln des Taktes, sondern setzen eher rhythmische Akzente. Das Schlagzeug verlagert den Grundrhythmus auf das Becken; der Pianist oder Gitarrist spielt Akkorde als unregelmäßige Einwürfe. Die Musiker legen häufig neue komplexe Melodien und Harmonien über bestehende Akkordfolgen (Changes) bekannter Jazz-Standards oder Blues-Schemata und erfinden so neue Titel, die auch heute noch gern gespielt werden, wie etwa Ornithology, Billie’s Bounce, Anthropology, Groovin‘ High oder Scrapple from the Apple.
Mit seinen rasend schnellen, virtuosen Linien und für damalige Ohren recht schrägen Tönen klingt der Bebop für viele Zuhörer verstörend, und der Jazz kehrt den Tanzhallen und dem großen kommerziellen Erfolg den Rücken. Der Jazz geht quasi in den Untergrund und verschwindet in Clubs, in denen sich die Musiker auch zum abendlichen gemeinsamen spontanen Spielen bis tief die Nacht treffen. Die auch noch heute existierende Kultur der Jam Sessions entsteht hier.
Mit von der Partie in dieser ersten Generation der Bebop-Revolutionäre sind neben Parker und Gillespie u.a. auch die Pianisten Bud Powell und Thelonious Monk, die Schlagzeuger Kenny Clarke und Max Roach, der Gitarrist Charlie Christian, der Posaunist Jay Jay Johnson, die Trompeter Fats Navarro und Clifford Brown sowie die Saxophonisten Sonny Stitt und Dexter Gordon. Auch der junge Trompeter Miles Davis beginnt als Mitglied der Band von Charlie Parker seine Karriere in diesem Umfeld. Vokalistinnen wie Ella Fitzgerald und Sarah Vaughn probieren sich dagegen in diesem Stil aus, indem sie ihre Stimme wie ein Instrument einsetzen und damit den Scat-Gesang entwickeln.
Der Bebop markiert den Beginn der Ära, die in Abgrenzung zu Swing und traditionellen Spielarten des Jazz, dem Oldtime Jazz, häufig als Modern Jazz bezeichnet wird.
Cool Jazz und Hard Bop (1950er Jahre)
Die nächste Musikergeneration führt die Innovationen des Bebops in den 1950er Jahren fort und verfeinert bzw. glättet ihn. Cool Jazz war eine Art Reaktion gegen den wilden Klang des Bebops, ganz bewusst entspannt gespielt. Häufig spielen die Bläser jetzt auch so, dass ein Bläser die Hauptmelodie spielt und andere eine Art Gegenmelodie (Kontrapunkt). Besonders im „coolen“ Kalifornien ist dieser Stil eingeschlagen und die Jazz-Szene in Los Angeles hat Cool Jazz zum eigenen Markenzeichen gemacht. Nicht zuletzt deswegen spricht man auch häufig vom West Coast Jazz. Typische Vertreter dieser Richtung waren der Trompeter Chet Baker, der Baritonsaxophonist Gerry Mulligan, der Altsaxophonist Lee Konitz, der Tenorsaxophonist Stan Getz und die Pianisten Lennie Tristano und Dave Brubeck. Letzterer experimentierte auch – zur damaligen Zeit untypisch für den Jazz – mit ungeraden Taktarten – und erschuf dabei gemeinsam mit dem Saxophonisten Paul Desmond und dessen Komposition Take Five einen heute immer noch gespielten Evergreen. Andere Musiker versuchten sich in Verbindungen zwischen zeitgenössischer europäischer Musik und modernem Jazz, wofür sich schon früh der Begriff Third Stream oder auch Progressive Jazz einbürgerte. So führte etwa das Orchester von Stan Kenton großorchestrale Werke in dieser Richtung auf. Wieder andere traten in eher kammermusikalischen kleineren Formationen auf und beschäftigten sich in ihren Kompositionen mit Barock-artigen Formelementen wie etwa Suiten und Fugen. Dies gilt insbesondere für das Modern Jazz Quartet um den Vibraphonisten Milt Jackson und den Pianisten John Lewis.
Der Hard Bop dagegen behält das Stürmische in Bebop bei, vereinfacht aber die komplizierten Akkordfolgen und restauriert den durch Swing und Bebop verlorengegangenen Bezug zu den Jazz-Wurzeln in Blues, Gospel und Work Songs, führt aber auch neue Elemente ein wie etwa die Verwendung von lateinamerikanischen Rhythmen (siehe Abschnitt zu Latin Jazz). Führende Vertreter dieser Generation von Jazz-Musikern waren der Schlagzeuger Art Blakey mit seiner Formation der Jazz Messengers, die Pianisten Horace Silver und Wynton Kelly, die Saxophonisten Sonny Rollins, Hank Mobley und Benny Golson, die Gitarristen Wes Montgomery und Grant Green, der Posaunist Curtis Fuller, die Trompeter Donald Byrd und Lee Morgan sowie der Altsaxophonist Julian „Cannonball“ Adderley und dessen Bruder, der Trompeter Nat Adderley.
Natürlich lebt aber auch der Swing in dieser Zeit weiter. Allerdings tritt nun ab Mitte der 50er Jahre der Rock’n Roll in Erscheinung und drängt den Swing als Tanzmusik der Jugend etwas in den Hintergrund. Wenn auch die großen Big Bands immer mehr Schwierigkeiten haben Auftrittsmöglichkeiten zu finden, gelingt es dennoch einigen Orchestern wie denen von Duke Ellington oder Count Basie, an ihre Erfolge aus den 30er und 40er Jahren anzuknüpfen. Doch es gibt auch kleinere Ensembles, die ebenfalls kommerziell erfolgreich sind. Hierzu gehören etwa die Trio- und Quartett-Formationen der Pianisten Oscar Peterson und George Shearing oder der Gitarristen Barney Kessel und Herb Ellis.
Mit seiner lyrischen Spielweise entwickelt zudem der Pianist Bill Evans Ende der 50er Jahre das Format des Piano-Trios in eine neue Richtung und nimmt dabei schon viele spätere Entwicklungen der Post-Bop Ära vorweg.
Post-Bop (1960er Jahre)
Anfang der 60er Jahre schlugen Musiker verschiedene Wege ein, um den Jazz nach dem Bop weiter zu entwickeln. Für diese Neuerungen hat sich dann später der Begriff Post Bop Jazz eingebürgert.
Einige wie etwa die Trompeter Miles Davis, Freddie Hubbard, Don Ellis und Woody Shaw, die Saxophonisten John Coltrane, Wayne Shorter, Sam Rivers und Joe Henderson oder die Pianisten Herbie Hancock, McCoy Tyner und Chick Corea begannen damit, den bis dahin geltenden musikalischen Konventionen zu brechen und experimentierten teilweise schon mit exotischeren Skalen, chromatischer (d.h. an keine Skala gebundener) Improvisation, ungewöhnlichen Song-Strukturen oder Akkordfolgen und anderen Rhythmen.
Eine zur damaligen Zeit radikale Neuerung war zudem die modale Spielweise: Im modalen Jazz wurden die Akkordfolgen deutlich vereinfacht, da manche Jazzer die komplexen Harmoniestrukturen als Käfig bei der Improvisation empfanden und lieber die klanglichen Möglichkeiten und Facetten einzelner Skalen (Modi) ausloten wollten. Ein bahnbrechendes Album, das noch heute zu den meistverkauften Alben der Musikgeschichte zählt, ist Kind of Blue, das den Weg für diese Art, zu spielen, bereitet. Es wurde von Miles Davis in Zusammenarbeit mit dem Pianisten Bill Evans sowie u.a. der beiden Saxophonisten John Coltrane und Julian „Cannonball„ Adderley eingespielt. Auch eines von John Coltranes bekanntesten Alben (A Love Supreme) kann man im weitesten Sinne diesem Stil zurechnen. Aber auch andere Künstler wie etwa der Pianist Herbie Hancock oder der Trompeter Freddie Hubbard haben im Laufe der Zeit modale Kompositionen geschrieben und darüber improvisiert. Als eigenständiger Stil hat sich der modale Jazz allerdings nie so wirklich durchgesetzt, wenngleich es auch heute noch viele Musiker und Bands gibt, die modale Stücke in ihrem Programm haben. Modale Kompositionen wie etwa So What und Milestones (Miles Davis), Impressions (John Coltrane), Maiden Voyage und Cantaloupe Island (Herbie Hancock), Song für My Father (Horace Silver), Red Clay und Little Sunflower (Freddie Hubbard) bereichern das Jazz-Repertoire auch heute noch und werden auf Jam Sessions auch immer wieder mal gespielt.
Andere Musiker knüpfen Anfang der 1960er Jahre direkt an die Wurzeln des Hard Bop an und beginnen damit, neben Gospel und Blues auch Elemente von zeitgenössischem Rhythm & Blues und Soul in ihre Spielweise zu integrieren. Daraus entsteht als Weiterentwicklung des Hard Bop der Soul Jazz. Die Hammond-Orgel tritt nun als charakteristisches Instrument vermehrt in Erscheinung. Als typische Vertreter des Soul Jazz gelten die Saxophonisten Lou Donaldson und Eddie Harris, der Gitarrist Kenny Burrell, die Pianisten Ramsey Lewis und Les McCann, der Organist Jimmy Smith sowie die Formation der Crusaders um den Pianisten Joe Sample. Aber auch andere Musiker haben sich an dieser Spielart ausprobiert. Mit den Kompositionen Mercy, Mercy, Mercy des Pianisten Joe Zawinuel und Sidewinder des Trompeters Lee Morgen entstanden daraus sogar so etwas wie Chart-Hits.
Einen eher eigenwilligen Weg, um den Jazz nach dem Bop weiterzuentwickeln, ging der Bassist Charles Mingus, der eine interessante Mischung aus traditionellem Jazz und Bop schuf, neben Jazz auch Elemente aus Klassik und Gospel sowie freiere Spielweisen in komplexen Arrangements zusammenführte und auch Kollektivimprovisationen wie im traditionellen Jazz wieder zuließ.
Free Jazz (1960er Jahre)
Was mit den Experimenten des Post Bop begann wird im Free Jazz (manchmal auch Avantgarde Jazz oder The New Thing genannt) zu seiner logischen Konsequenz geführt: Alles Formgebende wie Melodie, Harmonie und Rhythmus wird verworfen, und die Musiker gehen quasi mit einem leeren Noten-Blatt auf die Bühne, um spontan gemeinsam improvisierend zu musizieren. Kollektivimprovisationen finden wieder vermehrt Einzug in den Jazz. Gleichzeitig beginnen einige Jazz-Musiker sich mit außerhalb der USA und Europa liegenden Musikkulturen in Asien und Afrika zu beschäftigen und Instrumente, Tonleitern (Skalen) oder Rhythmen aus diesen Kulturen in ihr Spiel zu integrieren. Die 60er Jahre sind die Zeit, in der die afroamerikanische Bevölkerung für sich mehr politische Freiheit und Gleichberechtigung einfordert und auch mit herrschenden Strukturen und etablierten Traditionen im Musikgeschäft bricht. Es ist eine Zeit des kulturellen Umbruchs, und der Free Jazz liefert den passenden Soundtrack dazu.
Wegbereitend für diese neue Art der spontanen Improvisation sind die Alben The Shape of Jazz to come und Free Jazz des Saxophonisten Ornette Coleman, der Ende der 50er Jahre diese Entwicklung schon einleitete. Weitere Vertreter dieser Spielart waren der Trompeter Don Cherry, die Pianisten Sun Ra und Cecil Taylor, oder die Saxophonisten Pharoah Sanders, Anthony Braxton, Albert Aylor und Eric Dolphy. Aber auch andere Jazz-Musiker, wie z.B. der Saxophonist John Coltrane, die Pianistin Carla Bley sowie die Bassisten Dave Holland und Charlie Haden probierten sich eine Zeit lang im Free Jazz aus, denn diese Art zu spielen, empfanden sie als eine Art Befreiung von den Konventionen der herkömmlichen europäisch geprägten Musik. Viele von ihnen kehrten aber irgendwann zu konventionelleren Spielweisen zurück.
Auch in Europa entwickelt sich nun Ende der 60er Jahre eine eigenständige Free Jazz Szene, zu deren führenden Vertretern u.a. die deutschen Musiker Albert Mangelsdorff (Posaune), Peter Brötzmann (Saxophone), Manfred Schoof (Trompete) und Alexander von Schlippenbach (Piano) ebenso gehören wie die Niederländer Han Bennink (Schlagzeug) und Willem Breuker (Saxophon, Klarinette) oder die Briten Evan Parker (Saxophon), John Surman (Saxophon) und Derek Bailey (Gitarre).
Latin Jazz (1940er bis 1960er Jahre)
Unter Latin Jazz werden meist alle Spielarten des Jazz verstanden, bei denen Einflüsse lateinamerikanischer und karibischer Kulturen in den Jazz Einzug halten.
Dies gilt in den 1940er Jahren vor allem für die Integration afro-kubanischer Tanzrhythmen wie Son Montuno, Mambo, Cha-Cha-Cha oder Bolero in den Jazz. Typisch ist dabei auch die Verwendung von Perkussionsinstrumenten wie Congas, Timbales, Bongos, Kuhglocken, Maracas (im Volksmund häufig als Rumba-Kugeln bekannt) oder Guiro (eine Art Ratsche, die einer aus Holz geschnitzen Gurke ähnelt). Der Trompeter Dizzy Gillespie war einer der ersten Jazz-Musiker, der mit dieser Art von Rhythmen und Instrumenten in einer Big Band Formation experimentierte und sich dafür auch den kubanischen Perkussionisten Chano Pozo in sein Orchester holte. Ein weiterer wegweisender Musiker in diesem Genre war der Vibraphonist Cal Tjader. Später, in den 1960er Jahren, waren es dann Musiker wie die Perkussionisten Tito Puente, Ray Baretto und Poncho Sanchez oder Pianist Eddie Palmieri, die Jazz mit den zeitgemäßeren Elementen der Salsa-Musik verschmolzen, häufig bis zu einem Punkt, an dem eine Unterscheidung zwischen Salsa und Latin Jazz schwierig wird. Während bei Salsa jedoch häufig die Tanzbarkeit der Stücke im Vordergrund steht und auch meist Gesang vorhanden ist, lebt der Latin Jazz eher von der Performance der Instrumentalsolisten. Modernere Formationen aus Kuba, wie etwa Irakere um den Pianisten Chucho Valdez, Los Van Van und NG La Banda, treiben die Fusionierung dabei auf die Spitze und integrieren in den 70er und 80er Jahren auch Stilelemente aus Funk und Pop/Rock in ihre Musik. Daraus entstehen Stile wie Songo oder Timba.
Neben afro-kubanischer Musik ist in diesem Genre auch der Bossa Nova stilprägend. Dieser Stil entstand Ende der 50er Jahre in Brasilien in der Zusammenarbeit des Komponisten/Pianisten Antonio Carlos Jobim und des Gitarristen Joao Gilberto und verschmolz Elemente der brasilianischen Samba mit dem Cool Jazz. Der neue Stil wurde von US-amerikanischen Jazzmusikern wie dem Saxophonisten Stan Getz nach Hause gebracht und schlug ein wie in eine Bombe: Das 1963 veröffentlichte Album Getz/Gilberto wurde mit dem Grammy-Award für das beste Album des Jahres ausgezeichnet und ist eines der meistverkauften Jazzalben aller Zeiten. Die genialen Kompositionen von Jobim wie Girl From Ipanema, Desafinado oder Corcovado sind bis heute nicht mehr aus dem Jazz-Repertoire wegzudenken. Weitere typische Vertreter dieser brasilianisch inspirierten Jazz-Variante waren die Gitarristen Baden Powell und Charlie Byrd. Andere brasilianische Musiker und Musikerinnen wie der Perkussionist Airto Moreira oder die Sängerin Flora Purim trieben die Verschmelzung von (Fusion-orientiertem) Jazz und brasilianischer Musik noch weiter voran. Mit Mas Que Nada gelang dem Pianisten und Komponisten Sergio Mendes in den 1960er Jahren auch ein weltweiter Chart-Hit.
Aber auch andere Verschmelzungen von Jazz mit Musik-Traditionen und Rhythmen im karibischen und lateinamerikanischen Raum – außerhalb von Kuba und Brasilien – werden heute meist dem Latin Jazz zugerechnet. So gibt es etwa Verbindungen von Jazz und Reggae aus Jamaika,Jazz und Calypso aus Trinidad/Tobago oder Jazz und Bomba aus Puerto Rico.
Fusion und Funk (1970er Jahre)
Während die 60er Jahre vor allem die Geburtstunde des modernen Pop und Rockmusik waren, sind die 70er Jahre eine Zeit, bei der die Genres Jazz und Rock sich in kreativer Weise annähern. Bei manchen Aufnahmen von eher dem Rock-Genre zugerechneten Bands wie Blood, Sweat and Tears, Chicago, Frank Zappa oder Santana ist es oft schwierig zu sagen, ob man gerade noch Rock oder schon Jazz hört.
Ein reger Austausch zwischen den beiden Genres ist also vorprogrammiert und hat eine als Fusion oder Jazz Rock bezeichnete Stilrichtung etabliert, bei der die Jazzimprovisation mit dem Drive des Rock-Grooves kombiniert wird. Jetzt wird der Jazz auch elektrisch, d.h. neben die akustischen Instrumente treten häufig E-Piano & Synthesizer, E-Gitarre, E-Bass, aber auch in manchen Bands elektrisch verstärkte Blasinstrumente oder Violinen oder durch elektrische Effekte wie Flanger, Wah-Wah, Delay oder Chorus verfremdete Klänge in Erscheinung. Ein wegweisender Meilenstein in dieser Richtung war die Veröffentlichung des Albums Bitches Brew des Trompeters Miles Davis Ende der 1960er Jahre.
Führende Vertreter der Fusion-Musik waren die Bands Mahavishnu Orchestra (um den Gitarristen John McLaughlin), Weather Report (mit dem Saxophonisten Wayne Shorter, dem Keyboarder Joe Zawinuel und dem Bassisten Jaco Pastorius), Lifetime (die Gruppe des Schlagzeugers Tony Williams), die Band des Schlagzeugers Billy Cobham, die Brecker Brothers um den Saxophonisten Michael Brecker und seinen Trompete-spielenden Bruder Randy Brecker sowie die Formation Return to Forever um den Pianisten Chick Corea. In Europa macht dagegen eine Band namens United Jazz & Rock Ensemble auf sich aufmerksam, eine Art All-Star Ensemble mit namhaften Musikern und Musikerinnen der europäischen Jazz-Szene, darunter Wolfgang Dauner (Piano), Barbara Thompson (Saxophon), Charlie Mariano (Saxophon), Eberhard Weber (Bass), Volker Kriegel (Gitarre), Albert Mangelsdorf (Posaune) und Ack van Rooyen (Trompete).
Eine andere Art der Fusion, nämlich der Verbindung von Jazz mit Folk, Country und Pop-Klängen, aber auch freien Elementen erschuf der Pianist Keith Jarrett, dessen Solo-Improvisationen in Konzerten auch durchaus kommerziell erfolgreich waren und auf Tonträgern festgehalten wurden, wie etwa im legendären Album Köln Concert. Durch seine Zusammenarbeit mit dem norwegischen Saxophonisten Jan Garbarek entsteht zudem auch so etwas wie eine eigenständige europäische Stilrichtung im Jazz, die Elemente von klassischer und romantischer Musik und europäische Folklore mit dem Jazz verbindet.
Auch im Funk hinterlassen Jazz-Musiker ihre Spuren, indem sie zeitgenössischen Funk mit Jazz-Elementen kombinieren: Einer der bekanntesten Vertreter ist hier Herbie Hancock – insbesondere mit seinem Album Headhunters und der darin enthaltenen berühmten Komposition Chamaeleon. Andere Musiker, die dieses Genre weitertrugen, sind die aus der Band der Funk-Legende James Brown stammenden Maceo Parker (Saxophon) und Fred Wesley (Posaune), dessen Komposition The Chicken auch häufiger auf Jam Sessions zu hören ist. Mit den beiden Gitarristen James Blood Ulmer und Ronald Shannon Jackson gelang es zudem einigen Musikern Elemente des Free Jazz mit dem Funk zu verbinden und mit Free Funk so etwas wie ein eigenes Sub-Genre zu etablieren.
Moderner Mainstream und Smooth Jazz (1980er Jahre)
Nach den vielen Experimenten der 1960er und 1970er Jahre kam in den 1980er Jahren die Gegenreaktion. Angeführt vom Trompeter Wynton Marsalis haben junge Musiker zum unverdünnten, eher akustischen Jazz-Sound zurückgefunden und gezeigt, dass traditionelle Spielweisen wie Swing, Bebop und Hard Bop – und selbst New Orleans Musik – keineswegs zur Vergangenheit gehören müssen und modern interpretiert werden können.
Zu den (Neo-) Traditionalisten, die den Hauptstrom des Jazz (Mainstream) weiterführen, gehören neben Wynton Marsalis und dessen Bruder Branford (Saxophon) in den 80er Jahren auch Musiker wie die Saxophonisten Bob Berg, Bob Mintzer, Scott Hamilton und Kenny Garrett, die Pianisten Mulgrew Miller, Kenny Kirkland und Bennie Green, die Gitarristen Mike Stern und Kevin Eubanks, die Trompeter Terence Blanchard und Wallace Roney, die Schlagzeugerin Terri Lyne Carrington sowie die Sängerin Dianne Reeves.
Natürlich gibt es in den 1980er Jahren neben dem Mainstream immer noch Musiker und Bands, die die Entwicklungen von Fusion, Funk und Free Jazz weitertreiben. Der Gitarrist Pat Metheny, der Bassist Marcus Miller und Fusion-Bands wie The Yellowjackets, The Rippingtons oder Spyro Gyra machen dieser Zeit erstmals von sich reden. Als Weiterentwicklung von Fusion und Funk entsteht in den 80er Jahren zudem der entspannte, kommerziell durchaus auch erfolgreiche Smooth Jazz, bei dem Saxophonisten wie Kenny G., David Sanborn oder Grover Washington Jr., der Gitarrist und Sänger George Benson sowie die Vokalist*innen Chaka Khan und Al Jarreau ihre musikalische Heimat finden. Hier verschwimmen auch die Grenzen zwischen Jazz und Pop-Musik.
Während man sich vorher Jazz eher durch Lernen von anderen Musikern in der Praxis beibrachte, etabliert sich in den 80er Jahren auch zunehmend die Möglichkeit, an Musikhochschulen wie dem Berklee College in Bosten oder der Juillard School in New York gezielt Jazz zu studieren. Auch in Europa entstehen erste Studiengänge dafür, vor allem in den Niederlanden.
Um den Saxophonisten Steve Coleman und sein unter dem Akronym M-Base bekannt gewordenes musikalisches Konzept Macro – Basic Array of Structured Extemporizations versammelte sich Mitte der 80er Jahre in der New Yorker Jazz Szene eine Gruppe junger Musiker, die aber ein anderes musikalisches Konzept verfolgten als jenes, was in der musikalischen europäisch geprägten Hochschulausbildung im Jazz vermittelt wurde. Sie lehnten sowohl die Entwicklungen des Mainstreams als auch den kommerziellen Smooth Jazz ab und orientierten sich mehr an Post Bop. Ihre Herangehensweise basiert stärker auf afrikanischen Einflüssen und Herangehensweisen in Bezug auf Improvation, Taktarten oder Rhythmen. Dieser Szene zugerechnet werden u.a. neben Steve Coleman die Saxophonisten Gary Thomas und Greg Osby, die Sängerin Cassandra Wilson und die Pianistin Geri Allen.
Acid Jazz und Word Music (1990er Jahre)
In den 90ern wird eine Generation junger Musiker aktiv, die sowohl mit Jazz als auch mit Pop/Rock der 60er bis 80er Jahre aufgewachsen sind. Für sie ist es selbstverständlich, moderne Pop-Musik und Jazz zu kombinieren. Auch der Einsatz von Elektronik kommt nun langsam in Gebrauch, etwa durch Verwendung von Sampling-Techniken und und Sequencern mit elektronischen Drum Grooves. Der Jazz verwendet jetzt neben der Jazz-Tradition auch Elemente aus (Neo-) Soul, Hip Hop oder House. Er wird nun wieder tanzbarer und gelangt in die Diskotheken, wo Ende der 80er Jahre in London Diskjockeys begannen, in den Clubs Platten der Soul Jazz Ära wieder aufzulegen und mit modernen Drum & Bass Grooves zu kombinieren. Für diese Spielart bürgert sich der Begriff Acid Jazz bzw. Dancefloor Jazz ein. Die britische Band Us3 hat Mitte der 1990er Jahre mit dem Titel Cantaloop (einer gesampelten Version des Herbie Hancock Klassikers Cantaloupe Island) großen Erfolg in den Charts. Bei Künstlern und Ensembles wie Jamiroquai, Erykah Badu, D’Angelo oder Incognito ist irgendwann nicht mehr klar, welchem Genre sie genau zugerechnet werden sollten. Auch wenn sie immer wieder Elemente des Acid Jazz in ihre Musik integriert haben, hat sich Acid Jazz als eigenständige Stilrichtung für Live-Musik nie so richtig etabliert. Prägend für die Verbreitung und den Erfolg sind eher die Disk Jockeys in den Clubs, in Deutschland insbesondere die Szene rund um den legendären Mojo-Club auf der Hamburger Reeperbahn.
Andere, häufig nicht in den USA aufgewachsene Musiker, tragen Elementen anderer Musikkulturen in den Jazz hinein. Waren es bisher eher lateinamerikanische Einflüsse, die es natürlich nach wie vor auch gibt, wird der Jazz nun im wahrsten Sinne global. Viele Musiker mit Wurzeln außerhalb des amerikanischen Kontinents treten in Erscheinigung. Selbst Pop-Musiker wie Sting, Paul Simon oder Peter Gabriel öffnen sich in ihrer Musik anderen Kulturen und holen sich dazu Jazz-Musiker oder vom Jazz beeinflusste Künstler aus anderen Ländern in ihre Bands. Diese als World Music (manchmal auch alsWorld Beat oder Ethno-Jazz) bezeichnete Stilart verbindet Jazz mit (meist) improvisierter Musik anderer Kulturen und bringt solche Musiker wie etwa den libanesischen Lautenspieler Rabih Abou-Khalil, den senegalesischen Sänger Youssou N’Dour, den vom Reggae beeinflussten britischen Saxophonisten Courtney Pine oder den Saxophonisten Manu Dibango aus Kamerun an das Licht einer breiteren Öffentlichkeit. Das Spektrum der im Jazz zu findenden Instrumente erweitert sich, denn nun kommen auch Blas-, Saiten- oder Perkussionsinstrumente anderer Weltregionen auf der Bühne zum Einsatz. Aber auch schon vor Erfindung des Etiketts World Music haben Musiker aus anderen Ländern die Klänge ihrer Heimat in den Jazz gebracht, wie etwa der spanische Flamenco-Gitarrist Paco de Lucia oder der südafrikanische Pianist Abdullah Ibrahim.
Natürlich entwickelt sich auch der Mainstream Jazz weiter und bringt neue Talente hervor: Neben den Saxophonisten Joshua Redman, Antonio Hart, Chris Potter und Mark Turner, dem Gitarristen Kurt Rosenwinkel, den Trompetern Roy Hargrove und Nicholas Payton, dem Pianisten Brad Mehldau und dem Bassisten Christian McBride werden auch Sängerinnen wie Dee Dee Bridgewater oder die auch als Pianistin bekannte Diana Krall sowie die Sänger Kurt Elling und Mark Murphy in dieser Zeit von einem größeren Publikum wahrgenommen. Für die neue Generation der Jazz Musiker, die Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre den Jazz neu belebten, hat sich irgendwann der Begriff Young Lions eingebürgert, der auch heute noch häufig allgemein für junge Musiker und Musikerinnen der nächsten Generation verwendet wird.
Auch in der europäischen Jazz-Szene werden in den 90er Jahren einige internationale Stars bekannt, wie z.B. Till Brönner (Trompete) aus Deutschland, Enrico Pieranunzi (Piano) aus Italien, Tomasz Stanko (Trompete) aus Polen, Louis Sclavis (Saxophon), Richard Galliano (Akkordeon), Manu Katché (Schlagzeug) und Michel Petrucciani (Piano) aus Frankreich, Esbjörn Svensson (Piano), Viktoria Tolstoy und Rebekka Bakken (Gesang) oder Nils Landgren (Posaune) aus Skandinavien, um nur einige zu nennen.
Contemporary Jazz (seit 2000er Jahre)
Spätestens Ende der 90er Jahre öffnet sich der Jazz weiter und integriert nun auch Elemente aus Trip Hop, Downtempo, Drum & Bass und Ambient Music mit intensivem Gebrauch von Loops, Sequencern, Drum Computern und Synthesizer-Klangflächen. Formationen wie Jaga Jazzist, Jazzanova, DePhazz, DJs wie St Germain oder Nicola Conte und Bands um die beiden norwegischen Musiker Bugge Wesseltoft (Piano) und Nils-Petter Molvaer (Trompete) prägten diese manchmal auch als Nu Jazz bezeichnete Entwicklung, wobei die Abgrenzung zur elektronischen Musik oder artverwandten Genres hier zunehmend schwerfällt. Seit den 2000er Jahren kann man eigentlich keine dominierenden, eine ganze Epoche prägenden Stilrichtungen mehr ausmachen. Deswegen bietet es sich fast zwingend an, von Contemporary Jazz (zeitgenössischem Jazz) zu sprechen – einfach, um ihn von früheren Perioden abzugrenzen.
Natürlich bringt auch die heutige Zeit immer noch kreative und technisch bestens ausgebildete Jazz-Musiker hervor, die sich nicht nur der ganzen Palette der Jazz-Entwicklung der den letzten 100 Jahre bedienen, sondern auch Elemente anderer Musik-Genres als Crossover Jazz in ihr Spiel einfließen lassen, sei es aus Pop & Rock, Klassik, Elektronischer Musik oder Musiktraditionen auf der ganzen Welt. In den 2000er Jahren schaffen beispielsweise Musiker und Musikerinnen wie Kamasi Washington (Saxophon), Trombone Shorty (Posaune), Christian Scott aTunde Adjuah (Trompete), Esperanza Spalding (Bass, Gesang), Gregory Porter (Gesang), Jamie Cullum (Piano, Gesang), Norah Jones (Gesang), Melody Gardot (Gesang), Cory Henry (Orgel, Piano), Paolo Fresu (Trompete), Michael Wollny (Piano), Nils Wülker (Trompete) oder Robert Glasper (Piano) ihren Durchbruch. Auch das Musiker-Kollektiv der Fusion-Band Snarky Puppy macht seit Mitte der 2000er von sich reden.
Das Typische am zeitgenössischen Jazz ist zudem, dass er mittlerweile universell geworden ist und uns im Alltag in vielfältiger Form begegnet, ohne dass wir ihn gleich unter dem Etikett „Jazz“ wahrnehmen. In der Pop-Musik finden wir Stilelemente des Jazz genauso wie in der Lounge-Musik in Cafés, Restaurants und Hotels oder in Soundtracks für Filme oder Fernsehserien. Nie war es zudem so einfach, über verschiedene Wege im Internet wie Social Media (Youtube) oder Streaming-Dienste mit ihm in Berührung zu kommen. Aber auch das heute weltweit immer noch verfügbare Angebot an Vinyl-Alben und CDs bietet Möglichkeiten, ihn in seiner ganzen stilistischen Vielfalt kennenzulernen. In seiner ursprünglichen Form – im Konzert live gespielt – ist er jedoch nach wie vor am besten zu genießen. Hier kann man unmittelbar, erleben was seine Faszination ausmacht und wie die „Vibes“ auf der Bühne zwischen den Musikern und von den Musikern ins Publikum überspringen. Und genau dafür sollte man uns im Birdland59 besuchen!
Wer sich eingehender mit dem Jazz, seiner Entwicklung und seinen verschiedenen Stilrichtungen beschäftigen möchte, findet im Internet mittlerweile zahlreiche Informationsquellen dazu. Hier ist eine kleine Auswahl für den Einstieg:
Geschichte des Jazz – Wikipedia
